Sonntag, 8. Mai 2011

8. Monatsbericht

Wer will ein schönes Fleckchen Erde sehen?

Semuc Champey, ein Naturreservat im zentralen Guatemala
Der kann nach Guatemala gehen. Und das haben wir getan! 

Zwischen dem letzten Monatsbericht und dem Reiseantritt vergingen aber immerhin noch 1 1/2 Wochen, die auch nicht ereignislos verliefen...




Der Tag des Buches

Manuel beim Kinderschminken
Manuel, die Bibliotheksleiterin und ich hatten uns zum Ziel gesetzt, den Arbeitern der La Cuculmeca und ihren Kindern die Wichtigkeit des Lesens ans Herz zu legen und auf dabei auf die kostenfreie, aber nie, wirklich nie besuchte Bibliothek aufmerksam zu machen. Dafür wurde die Bibliothek geschmückt, Möhren-Bananen-Schokokuchen gebacken, Informationsmaterial herausgesucht, angefragt, organisiert, …  alles in allem viel mehr Arbeit als erwartet. Der Erfolg war aber mehr als entlohnend: Über 50 Kinder kamen, neben einer Menge Arbeitern der La Cuculmeca und es wurde ein ganzer Nachmittag mit Tanz- und Malwettbewerben, einer Schatzsuche, Vorlesungen und Schminken gefüllt. Selbst ein aus Jinotega stammender Dichter kam und gab ein paar Kostproben seiner Poesie zum Preis. Und mit finanzieller Unterstützung eines Bildungsprojekts wurde sogar Eis mit Wackelpudding (Killer-Kombo) für alle ermöglicht!


Am nächsten Tag fiel dann der Startschuss, ich fuhr in die Hauptstadt, um letzte Vorbereitungen zu treffen und den freudig erwarteten Gast am Flughafen in Empfang zu nehmen. Besagter war übrigens nicht Corin – wir Dussel hatten nämlich vergessen, dass er nach den Osterferien wieder zurück in die Schule muss… sein Kommen war somit ein Ding der Unmöglichkeit. Im Nachhinein hat sich diese Tragödie aber als ein glückliche Wendung des Schicksals herausgestellt, da Corin die erste Woche nach den Ferien so krank im Bett lag, dass er weder das Haus verlassen, noch Anrufe entgegennehmen konnte… nicht auszudenken, wenn er in dieser Zeit in Zentralamerika rumgehüpft wäre.

Niroc beim Angeln.
Die Angelschnur ist an seinem Zeh befestigt
Gott sei Dank war es aber möglich, das Flugticket auf Niroc, anderer Freund von mir und obendrein ruchloser Schulschwänzer, umzubuchen.

Kurz und knapp: Niroc kam, Corin blieb und die Reise wurde fabulös.



Hin und wieder zurück.

Nicht viel mehr als 24 Stunden nach Nirocs Landung in Managua saßen wir auch schon im Bus nach Guatemala City, die uns das erste Mal den Atem verschlagen ließ. Riesige, neue Autos, Glas- und Stahlfassaden, alle Nase lang ein Fast-Food- Restaurant – man fühlte sich wie in den Vereinigten Staaten. Auch die Panorama Glasfront der Wohnung einer bereits erwachsenen Tochter meiner Gastmutter aus Jinotega, die in Guatemala City ihren Traummann gefunden hat und bei der wir unterkommen konnten, vermochte diesen ersten Eindruck nicht zu ändern. Zu Abendessen gab es übrigens Raclette in einem Schweizer Restaurant, was sonst.
Es war schon ein verrücktes Gefühl, nach neun Monaten Wellblechdach und stinkigen, alten Rostlauben, die wild hupend auf dem Feldweg Staub aufwirbeln in eine Großstadt katapultiert zu werden, die es zumindest in manchen Stadtteilen locker mit westlichen Großstädten aufnehmen kann. Und irgendwie habe ich es auch genossen.

Wie aus dem Nichts tun sich mitten im Urwald
riesige Pyramiden auf, die die Maya vom
6. bis ins 9. Jahrhundert hinein gebaut hatten
        
Aber trotz allem haben wir uns beide nicht in dieser Stadt gesehen, weshalb die Entscheidung, wieder bald aufzubrechen, nicht schwer fiel. Ziel sollte der Norden sein, Richtung Mexiko, wo einige schöne Seen liegen sollten – und die Mayatempelruinen von Tikal, die es auch wirklich in sich hatten.



Insgesamt versuchten wir aber, tourtistische Hochburgen zu vermeiden. Wir legten viel Wert darauf, für uns zu sein, zusammen zu Angeln, das Land zu erleben und Spaß zu haben. Wir verbrachten lieber 3 Tage an einem Ort, als nach einer Nacht schon weiterzuziehen. Und wenn wir Lust auf ein Eis hatten, dann haben wir uns das auch gekauft. So wie in diesem Fall:





Wenn man so lebt, fliegen einem die Dollars aber leider auch förmlich aus der Hand. Deshalb ist Omas Vermächtnis auch fast schon aufgebraucht – stört mich aber gar nicht, denn besser kann ich das Geld meiner Meinung nach sowieso nicht verwenden.


Saka-ric, hosa wach?


Frauen in der völlig selbstverständlichen Tracht,
auch viele Männer kleiden sich ähnlich
Guatemala selbst befindet sich meiner Meinung nach in einem noch krasseren Zwiespalt zwischen Globalkultur und Tradition als Nicaragua. Während man hier bereits angehimmelt wird wenn man Englisch spricht und eine Levis-Jeans trägt, wird in Guatemala immerhin noch Wert darauf gelegt, indigene Trachten zu tragen und jeweilige Sprache zu sprechen (wie in der Überschrift, die auf der einer Mayasprache so viel bedeutet wie „Hi, wie geht’s“).

Teakholz landet nicht im Armaturenbrett von Luxuskarossen,
sondern in Form von Feuerholz auf dem Grill.
Richtig nervig ist, dass Guatemala touristisch schon viel weiter entwickelt ist als Nicaragua. Das heißt zum Beispiel, dass man als Ausländer überall mindestens das 5-fache vom Preis bezahlt, den die Einheimischen zahlen. Und das nach 10 Minuten Verhandlungen. 

Die Menschen wittern ihre Chance und wollen was vom Kuchen abhaben, das kann ich verstehen. Lügen rechtfertigt dies aber noch lange nicht.




Der Vulkan, auf den genau in diesem Augenblick
ein Regenbogen fällt
Die letzte Woche verbrachten wir dann noch in Nicaragua, aus vielerlei Gründen. Highlight dort wurde die Besteigung des aktiven Vulkans Concepción (1700m), der zwar anstrengend, aber mehr als lohnend war. Es ist ein wahnsinniges Gefühl, wenn über einem eiskalter Wind pest und unter einem die Erde so heiß ist, dass man sich fast verbrennt.



Viel wichtiger als unsere Reiseziele empfand ich aber unsere Gespräche. Mit Niroc konnte ich mich zu fast allen Themen auf einer Wellenlänge unterhalten und dabei bin ich auf Erkenntnisse gekommen, die ich als wertvoller empfinde als jeden gesehenen See, Ruine oder Vulkan. Einige davon möchte ich gerne mit euch teilen, vielleicht bringen sie euch ja auch weiter.


Spiritualität

Früher erachtete ich mich als durch und durch rationalen Menschen. Was ich nicht sehen/fühlen/schmecken konnte, gab es für mich nicht. Deshalb erschien mir jegliche Form von Spiritualität als lächerlich, ich dachte, ein denkender Mensch bräuchte so etwas nicht, alles Humbug. Warum aber kann es nicht sein, dass außerhalb meiner Wahrnehmung etwas existiert? – der Raum, in dem wir uns bewegen und Dinge benennen können, ist ja begrenzt durch unsere Sprache. Jeder hat sich ja bestimmt schon einmal gewundert, wenn er ein Gefühl beschreiben wollte, was aber nicht in Worte zu fassen war. Was ich damit sagen will: Es gibt viel viel mehr, als wir glauben, dass es gibt. Und nur weil ich oder du das nicht bemerken/ fühlen/ ausdrücken können, heißt das noch lange nicht, dass es das nicht gibt. Ich würde nicht sagen, dass ich plötzlich spirituell geworden bin, wohl aber, dass ich mir nun im Klaren bin, dass es viele Dinge gibt, die wir zwar nicht benennen geschweige denn beweisen können (beweisen ist in unserer Gesellschaft ja wahnsinnig wichtig), die aber trotzdem einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf uns und vor allem unsere Beziehungen haben.
Was das für die Praxis bedeutet? Zum Beispiel, dass ich, wenn nun ein Krankenwagen mit Sirene an mir vorbeidüst, dem Verunglückten gute Gedanken schicke. Ich bin mir sicher, dass das hilft, unabhängig davon, ob ich die verunglückte Person/ Unglücksursache/ behandelnden Arzt  nun kenne oder nicht. Beweisen lässt sich diese Wirkung zwar nicht, das ist mir aber egal.


Verschanzung in Gedanken

Niroc hat mich glücklicherweise darauf aufmerksam gemacht, dass man sich manchmal in der eigenen Gedankenwelt verschanzt. Dann kann man weder vor, noch zurück, man wird traurig, vielleicht sogar depressiv. Dann braucht man jemanden, der einen von diesen Fesseln löst, einen darauf aufmerksam macht, dass er sich gerade verschanzt hat. Ein einfaches Beispiel:
Viele Menschen denken sich bestimmt, dass Massentierhaltung eigentlich nicht okay ist. Sie finden es ekelhaft und respektlos, wie mit Leben umgegangen wird. Gleichzeitig denken sie sich aber, dass sie, als Billigfleischboykottierer, praktisch nichts gegen diese Praxis unternehmen können, nach dem Motto „Was nützt es, wenn ich mein Fleisch nicht mehr im Supermarkt kaufe, dann kaufts halt irgendein anderer Depp oder es wird wohlmöglich sogar weggeworfen. Wem ist damit geholfen?“ Ich finde diesen Gedankengang völlig richtig.
Man wird praktisch nichts an der Massentierhaltung ändern, wenn man sie nicht durch den privaten Konsum unterstützt. Und schwupps, da hat man sich in einer in sich logischen Gedankenwelt verschanzt und festgefahren. Dieser Mensch kauft nun sein Leben lang Fleisch im Aldi – was aber bescheuert ist und nicht sein muss!
Ich glaube, dass wenn man sich dieser gedanklichen Verschanzung bewusst ist, es einem viel leichter fällt, sich daraus zu befreien. Vielleicht hast du, lieber Leser, dich auch irgendwo verschanzt. Oder ein Freund von dir. Mach es ihm oder dir klar, dann ist möglicherweise einem oder vielen geholfen.


Glück

Wenn ich mir mal ernsthaft über meine Lebenssituation Gedanken mache, fällt mir auf, dass es mir unglaublich gut geht. Eigentlich läuft alles perfekt! Ich bin gesund, habe eine atemberaubend tolle Familie, wunderwunderwunderbare Freunde, wiege mich in materieller, gesundheitlicher und emotionaler Sicherheit,  sehe nicht zu gut und nicht zu schlecht aus – ich muss zu den glücklichsten Menschen der Welt gehören. Und damit sich daran etwas ändert, müsste mir schon der Himmel auf den Kopf fallen - sehr unwahrscheinlich. Und eben diesen Auftrieb, diesen riesigen positiven Energieüberschuss strahle ich ungewollt ab, in Form von Fröhlichkeit. Natürlich habe ich auch meine Sorgen, aber wenn man diese im Gesamtzusammenhang sieht, wiegen sie nichts.


Das waren einige Gedanken, die mir zurzeit durch den Kopf gehen. Wahrscheinlich werde ich in 6 Monaten wieder völlig anders darüber denken, aber so ist es nun einmal, alles ist in Bewegung. Hoffentlich werde ich zu diesem Zeitpunkt dann in Freiburg oder Berlin sitzen und über Biologiebüchern brüten, denn dort habe ich mich für das Medizinstudium beworben und bin guter Dinge, dass das auch klappt. Vorfreude ist jedenfalls schon im Übermaß vorhanden, ich brenne förmlich drauf :-)

In weniger als 3 Wochen melde ich mich ja auch schon mit dem nächsten Monatsbericht wieder, dann wieder zu einem Sachthema.

Mit vielen positiven Gedanken, die sicherlich auch ankommen!

Euer Sasan


Lied des Monats ist diesmal Beethovens "Ode an die Freude", vielen bestimmt besser bekannt als die Musik zu "Freude Schöner Götterfunken" von Friedrich Schiller. Das Lied und auch den Text finde ich ganz toll. Wer Lust hat mitzusingen, kann das mithilfe des folgenden Links:






Mittwoch, 30. März 2011

7. Monatsbericht

 "Durch die Projekte ¡ENTERATE! und ¡Yo sí puedo! konnten einer Menge Kindern der Weg zur Bildung ermöglicht werden. Früher gingen hier 60% der Kinder nicht in die Schule - jetzt sind es so viele, dass wir ein neues Gebäude brauchen."

„Perfekt“, denke ich, reiche Señor José Angel Altamirano Garcia die Hand, verabschiede und bedanke mich. „Du bist hier jederzeit willkommen! Magst du nicht noch zum Essen bleiben?“  Mit der Entschuldigung, dass ich noch weiter muss, lassen sie mich gehen, nicht aber ohne das Versprechen, wiederzukommen. Vielleicht könnte ich ja sogar eine seiner fünf Töchter heiraten und mit nach Deutschland nehmen.
Ich trete aus dem Bretterverschlag, in dem die komplette Familie samt Oma, Opa sowie deren Kinder und Enkelkinder leben und mache mich auf dem Weg zum nächsten Interviewpartner, immerhin 1 ½ Stunden Fußweg entfernt, ständig auf staubigen Schotterwegen in der Sommerhitze. Trotzdem ist der Dresscode lange Hose und Hemd, sonst wird man auf dem Dorf noch komischer angeschaut als ohnehin.

Interviews machen!

Damit hat mich die deutsche Chefin meiner hiesigen Partnerorganisation, der Cuculmeca, letzte Woche höchstpersönlich beauftragt. Interviews zum Thema „Wandel, die durch die Projektarbeit erzielt wurden“. Ihr kennt vielleicht diese Brot für die Welt-Plakate, auf denen auf der linken Hälfte ein kontrastarmes, tristes Bild einer indigenen Bäuerin, sowie auf der rechten Hälfte dieselbige lächelnd und mit farbenfrohen Kleidern abgebildet ist. So etwas mache ich jetzt auch, nur nicht für Plakate in Europa, sondern als Bereicherung der Projektberichte und der Website der Cuculmeca. Auch wenn die Arbeit sehr anstrengend ist und täglich gerne 10-12 Stunden in Anspruch nimmt, ist sie schön und motivierend – ich kriege aus erster Hand erzählt, was durch die mit Entwicklungshilfe finanzierten Projekte tatsächlich gebracht haben. Und das ist schon sehr eindrucksvoll. Zum Beispiel wurde in den Bergen ein durch den Hurrikan Katrina im Jahr 2005 zerstörtes Wasserversorgungssystem wieder aufgebaut - dessen Verwaltung jetzt ausschließlich den Gemeinden obliegt.
Andernorts wurde eine Kaffeekooperative gegründet, die 34 Familien ein stabileres Einkommen beschert - "Früher hat jeder für sich alleine gekämpft - jetzt kämpfen wir alle zusammen", meint der Kooperativenpräsident Luis Felipe Valdivia Centeno.


Ein Pinienwald, der im Rahmen eines
Wiederaufforstungsprogramms entstand
Insgesamt ist jedoch meiner Meinung nach die größte und wichtigste Veränderung der Mut, der den Menschen zugesprochen wurde. Der Mut, selbstbewusst für seine Interessen einzutreten, der vorher keineswegs selbstverständlich war. Im Gegenteil, viele Menschen, mit denen ich geredet habe, meinten, sie hätten Angst gehabt, auf die Regierung oder andere Institutionen zuzugehen - mit Hinblick auf die Vergangenheit Nicaraguas auch wenig verwunderlich.

Leider leidet unter dieser Arbeit meine selbstorganisierte Arbeitswoche, die ich ja im letzten Monatsbericht so stolz präsentiert habe – was ich jedoch in Kauf nehme, denn die Leute vor Ort wissen wohl besser, wo ich nützlich sein kann. Dazu gehören anscheinend mittlerweile auch zeitlich begrenzte Aufträge wie für Projektbesucher aus Europa Spanisch-Englisch und umgekehrt zu dolmetschen (was stundenlang wirklich unglaublich anstrengend ist – am Ende des Tages weiß ich gar nicht mehr, mit wem ich welche Sprache sprechen soll) oder Projektberichte in die jeweilige Landessprache zu übersetzen, wie zum Beispiel den für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit im Rahmen von Kaffeekooperativen und anderen, lokal erzeugten landwirtschaftlichen Produkten für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Vielleicht hat man eine Nische für mich in der Entwicklungsarbeit gefunden… im Bereich der Kommunikation.

Nach Feierabend ist die Arbeit aber längst noch nicht erledigt, wie dieses Video eindrucksvoll beweist. Wir wissen nicht wieso, aber die Viecher vermehren sich rasend schnell, was solche kriegsähnlichen Szenen, untermalt mit Star-Wars-Musik, mehrmals die Woche notwendig machen, dieses Mal in Manuels Zimmer.




Sonst verbringen wir unsere Abende auch mit durchaus noch ernsteren Themen. Beispielsweise feilen wir an Plänen, wie wir uns, im Rahmen unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten, am besten für eine bessere Welt einsetzen können. Natürlich steht dabei an aller Anfang ein bewusster Konsum. Nicht nur von Lebensmitteln, sondern auch von geistlicher Nahrung. Dabei hört unsere Verantwortung als ‘denkende‘ Menschen meiner Meinung aber nicht auf. Ich übergebe das Wort an meinen Lieblingsvergewaltiger Julian Assange, der diesen Gedanken im Jahr 2007 sehr sehr treffend formuliert hat:

"Wenn wir Grips oder Mut haben, dann ist das ein Segen und wir sind berufen, diese Eigenschaften nicht zu vergeuden, indem wir mit offenem Mund die Ideen anderer begaffen, Weitpinkelwettbewerbe gewinnen, die Effizienz des neokorporativen Staates verbessern, oder uns in Obskuritäten verlieren, sondern stattdessen die Kraft unserer Talente gegen die stärksten Feinde der Liebe unter Beweis stellen, die wir finden können."

Es wird also viel diskutiert, gezeichnet, geschrieben, gehört, gelesen und geschaut auf unserer Dachterrasse. Dabei rufen wir uns stets ins Gedächtnis, dass diese verbleibenden Monate ungemein kostbar sind – möglicherweise werden wir uns jahrelang nicht mehr so vollkommen Dingen widmen können, die nicht unmittelbar mit unserer Existenz in Verbindung stehen.

Apropos Verbindung

März und Sasan… da war doch was…  ganz genau ;) Ich bin mittlerweile 20. Und durfte sogar dreimal feiern! Das erste Mal  mit Nessa im Skype um 17:00 Uhr Nicazeit am Tag davor, d.h. 24:00 Uhr in Deutschland, das zweite Mal um 24:00 Uhr Nicazeit mit einem sehr netten holländischen Paar in einer Bar und ein drittes Mal mit Freunden und Arbeitskollegen in der Cuculmeca am Abend des 11. März – mit kleinen kulturellen Einlagen aus jeder der in dieser Organisation vertretenden Nationen Nicaragua, Spanien Schweiz und natürlich Deutschland.

Da war sie schon ein bisschen zerrupft
Zunächst gab es ersteinmal eine Piñata. In Lateinamerika ist das die Attraktion auf jedem Kindergeburtstag - ich habe keine Ahnung, warum nicht auch in Deutschland, es macht nämlich Sauspaß. Die Teilnehmer kriegen nacheinander die Augen verbunden, werden mit einem Knüppel ausgestattet und dreschen so lange auf eine aus Zeitungs- und Crepepapier zusammengesetzte Puppe, die an einem Seil befestigt ständig in Bewegung ist, ein, bis diese platzt und ein Regen aus Bonbons auf den Boden prasselt.  

Die Nicas voll in ihrem Element


Getanzt wurde, ganz nach lateinamerikanischer Manier, natürlich auch, wobei jede Nation auch einen typischen Tanz vorführen sollte. Wir zeigten allen, wie man Walzer tanzt, die Spanierin ließ ihre Flamencokünste aufblitzen, die Nicas verkleideten sich und rieben sich wild aneinander und die Schweizer vollführten einen Volkstanz, den man auch noch nach 10 Kräuterschnäpsen auf die Reihe kriegt. 








Im Hintergrund nicaraguanisches Bier
Zu Essen gab auch aus jedem Land etwas verschiedenes. Wir hatten Berliner gebacken. Sehen vielleicht nicht ganz so wie Berliner aus :) aber das wissen ja auch nur wir. Lecker waren sie jedenfalls und wurden von allen Seiten sehr gut aufgenommen.
Aus der Schweiz gab es übrigens Käsefondue, aus Spanien Sangría und die Nicafraktion stellte Rum, Früchte und frittierte Tortilla mit Bohnenbrei und Salat.




Der Feier klang lautstark mit furioser Karaoke aus. Egal ob Nenas 99 Luftballons, Santanas Corazón Espinado, Maná oder Nicaraguas Musiklegende Luis Enrique Mejia Godoy - alles war vertreten.




Das war es diesmal auch schon mit dem Monatsbericht. Ein bisschen kürzer, vielleicht auch, weil mir der Monat so unglaublich kurz vorkam. Der nächste wird dafür umso opulenter, da mich Corin Freyer (ja, DER Corin Freyer) besuchen kommt und wir uns gemeinsam auf den Weg nach Guatemala machen… und wer weiß, wohin noch. Auf dass uns Montezumas Rache nicht heimsucht!

Mit den besten Grüßen nach Alemania,

euer Sasan




Lied des Monats ist diesmal etwas Nicaraguanisches, vom eben genannten Luis Enrique Mejia Godoy. In dem Lied geht es um eine junge Frau, die dachte, dass sie in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, der Armut entfliehen könnte. Stattdessen erwarteten sie Putzjobs, Prostitution und Drogenkonsum. In Nicaragua kennt und mag jeder dieses Lied, so steckt auch viel Wahres an der Geschichte. Viel Spaß beim Hören und Mitleiden.




Sonntag, 27. Februar 2011

6. Monatsbericht

„Dein Geburtsdatum?“ frage ich. „Weiß nicht genau, meine Mama sagt immer, es war an einem Sonntag in der Nacht.“

Ich fange an zu lachen und schaue dem schätzungsweise 5 Jahre alten Jungen hinterher, wie er aus dem Klassenraum auf den Schulhof stürmt. „Warum legen wir eigentlich so viel Wert auf ein Geburtsdatum…“, frage ich mich, während ich die lückenhafte Anwesenheitsliste in meinen Rucksack stopfe.

Das war letzten Dienstag, an meinem ersten Arbeitstag in San Pedro de Buculmay, wo ich ab jetzt einmal wöchentlich die Lehrer für zwei Stunden entlaste. Um euch zu erklären, wie es dazu kam, muss ich aber ein wenig weiter ausholen.

Zurückspulen.

Und zwar zu Anfang Februar, genauer gesagt zum Zwischenseminar. Neben einer Menge interessanter Informationen über Politik, Wirtschaft, Medien, Machismus, … in Nicaragua, den Adrenalinschocks, die durch die bis zu 5 Meter hohen, direkt vor deinem Gesicht brechenden Pazifikwellen ausgelöst wurden, sowie den legendären philosophischen Diskussionen mit Pedro, Fabian und Robert, habe ich dort vor allem eine Lebensweisheit mitgenommen, die euch jetzt zwar nicht gerade vom Hocker hauen wird, die mir aber doch in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet hat. Sie lautet:

Die Initiative ergreifen. Wenn du etwas willst, dann musst du aktiv dafür eintreten,  es dir zu holen. Auf fremde Unterstützung, ganz gleich in welcher Form, ist in dieser Welt (außerhalb des Freundes- / Familienkreises) nicht zu rechnen. Und wenn sie dann doch, unerwarteterweise, kommen sollte, freut man sich umso mehr.

Mit neuem Mut und voller Motivation bin ich dann wieder nach Jinotega zurück, das genauso verschlafen wie sonst auch im Tal der umliegenden Berge lag. Als ob nichts geschehen wäre…
Manuel chillt. Im Hintergrund die Cuculmeca.
In den darauffolgenden Tagen haben wir ein neues Haus gesucht und auch gefunden, jetzt leben Manuel und ich (im Geist vereint), gegenüber der Cuculmeca, in einer neuen, unheimlich netten Gastfamilie, die sich bereits in der ersten Woche mehr um uns gesorgt hat, als die beiden vorigen in 6 Monaten zusammen. Neben zwei getrennten Zimmern haben wir zusätzlich noch eine Dachterrasse, die einem Turm ähnelt und einen Panoramablick in alle vier Himmelsrichtungen bietet. Netter Nebeneffekt: das W-LAN aus der Cuculmeca reicht bis in die Hängematte.


Mein Zimmer im Erdgeschoss mit Dachschräge
Doch diese blieb nicht die einzige Veränderung. Innerhalb von 7 Tagen habe ich mir einen Wochenplan geschaffen, der mich 5 Tage die Woche (und manchmal auch noch mehr) mit Aktivitäten füttert und dabei auch noch genügend Platz für Freizeit lässt (jeden Morgen stehe ich um 6:00 Uhr auf, gehe joggen, jongliere,  spiele Gitarre, lese, …), . Sogar Zeit für HTML-Lernen bleibt. Und da ich davon gerade so begeistert bin, müsst ihr meinen Wochenplan in einer wunderschön designten, selbstgeschriebenen HTML-Tabelle lesen. Aufgepasst!


Montag Zu Anfang der Woche obliegt mir die Verwaltung der Cuculmeca-Bibliothek. Dazu gehört neben der Ausleihe auch die elektronische Erfassung des Bestands, Access macht's möglich. In freien Minuten schreibe ich Berichte oder übersetze. Außerdem sind wir gegenwärtig am organisieren eines "Tag des Buches", an dem wir Kinder und Erwachsene die Bedeutung des Lesens nahelegen wollen. Damit die Leute auch alle kommen, backen wir einen Apfelkuchen. Wer ein gutes Rezept hat (mit Streuseln), der schreibe mir bitte eine mail.
Dienstag Wie bereits erwähnt, Beschäftigung von Kindern in San Pedro de Buculmay. Ursprünglich wollte ich mit ihnen ein Theaterstück nach Momo machen, was sich aber angesichts der 95 Kinder, die zu betreuen sind, als unmöglich herausstellt. Letzte Woche habe ich eine Mini-WM veranstaltet; 16 "Länderteams", jeweils bestehend aus 3 Jungs und 3 Mädchen, sollten gegeneinander spielen, die Siegermannschaft kommt weiter, usw. Das Chaos, das dabei entstand, war riesig. Ich glaube, dass ich im ganzen Turnier 3 Pässe, dagegen aber 5 kleinere Schlägereien gesehen habe ("DAS WAR ECKE!" "NEIN AUS!" "NEIN ECKE!" "*BUFF*"). Außerdem hatte sich bei der Partie Spanien - China die komplette chinesische Mannschaft aufgelöst - am Ende stand nur noch der chinesische Kapitän da, dessen Kameraden von nun an bei Spanien spielten, weil, nunja, sie Spanien cooler fanden.
Eigentlich ist es mir völlig egal ob die Regeln (oder meine Vorstellungen von Spaß) befolgt werden, Hauptsache ist, dass die Kinder die Zeit genießen. Und das taten sie.
Mittwoch Die Arbeitswoche kulminiert in dem Sportunterricht für junge, behinderte Erwachsene bei "Los Pipitos", einer weiteren Hilfsorganisation in Jinotega. Es ist faszinierend zu sehen, wie diese Menschen in ihrer eigenen Welt leben und doch die Hindernisse des Alltags bewältigen müssen. Es macht zwar Spaß, Fortschritte sind aber nur sehr sehr langsam zu sehen, weshalb ich mir eine lebenslange Beschäftigung mit geistig Behinderten nur schwer vorstellen kann - ich glaube, dafür bin ich zu ungeduldig.
Donnerstag Wie bereits vor den großen Sommerferien auch, gebe ich donnerstags Englischunterricht auf dem Land. Nicht, weil ich mir erhoffe denen Englisch beizubringen, sondern weil ich merke, dass sie Interesse zeigen. Und das soll belohnt werden. Letzte Woche kam ich leider umsonst die Schotterpiste entlanggefahren - unser Termin mittags biss sich mit ihren Essenszeiten, weshalb ich die Profesora alleine vorfand, mit der Nachricht, dass die Kinder gerne gekommen wären, aber so viel Hunger hatten, dass sie nach Hause mussten. Naja, nächste Woche ist es frühmorgens, hoffentlich klappt es da besser.
Freitag Mit Hinblick auf das Wochenende gehen Manuel und ich jeden Freitagvormittag in die durch Spenden aus Ulm finanzierte Kinderkrippe, um dort mit nur ca. 35 Kindern im Alter von 5-6 Jahren herumzutoben. Letzte Woche gingen wir mit ihnen auf den nahegelegenen Sportplatz, wo wir u.a. Staffellauf in 2 Gruppen um den Halbkreis herum spielten. Vielleicht sind solche Spiele wirklich nicht für kleine Nicaraguaner/innen geeignet; die Kinder liefen mitten durch den Kreis, stellten sich bei der anderen Mannschaft an oder liefen einfach 3 Runden statt nur einer. Auch bei "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" (Das wir aus Empörung über den vorher nie bemerkten rassistischen Namen in "Wer hat Angst vorm Jäger?" umgetauft hatten), liefen letztendlich alle quer über den Sportplatz, zwei stießen sogar zusammen. Auf einem sonst leeren Fußballfeld…

Nächste Woche wollen wir es aber noch einmal versuchen, wohl nicht mit Völkerball, den Plumpssack trauen wir ihnen aber zu.



Und das war immer noch nicht alles. Im Moment organisieren wir zum Beispiel noch einen „Mülltag“, an dem wir mit Kindern durch das „Barrio“ (Viertel) ziehen und Müll aufsammeln möchten. Nicht, um Müllabfuhr zu spielen (das ist Aufgabe der Alcaldía, dem Rathaus), sondern um ein Bewusstsein für den Umgang mit Müll zu schaffen.
Oder letzten Samstag war ich in einer weit entfernten Gemeinde, wo gerade eine Schule mit Computern aus Spendengeldern aus den Niederlanden ausgestattet wird, die ich angeschlossen und im Netzwerk verbunden hab.

Es gibt viel zu tun – und ich fühl mich gut dabei. Dass ich nicht von Anfang an so loslegen hätte können, war, so glaube ich, unvermeidbar. Eine gewisse Zeit brauchte ich hier, um mich einzufinden und die Strukturen zu blicken – was ich natürlich längst noch nicht habe, aber immerhin so weit, dass ich zurechtkomme und mich einbringen kann.

Als Beispiel dafür, möchte ich euch von einem Gespräch mit dem sonst sehr netten Hausmeister und einem Fahrer der Cuculmeca erzählen, nach dem ich tatsächlich schockiert war.
Kurz zur Vorgeschichte: Ayla hatte mir aus Deutschland einen Motorradhelm mitgebracht, der flog sowieso nur zuhause herum und hier kann ich ihn gut gebrauchen. Manuel und ich sollten eine Dose Farbe kaufen fahren, auf dem Weg zum Motorrad begegneten wir nun dem Hausmeister. Das Gespräch verlief in etwa so:

Der Gegenstand der Zwietracht...
Hausmeister: „Oh, wow, hast du den Helm neu?“
Ich: „Nee, der ist alt und aus Deutschland.“
Hausmeister: „Willst du ihn mir nicht schenken?“ [?!]
Ich: „Ehm eigentlich nicht, ich brauch ihn doch hier.“
Hausmeister: „Ich würd ihn dir ja ausleihen, wenn du ihn brauchst.“


Ich: „Ich kann ihn auch DIR ausleihen, wenn du ihn brauchst.“
Hausmeister: „Hm. Und wenn du gehst? Schenkst du ihn dann mir?“
Ich: „Ja, vielleicht.“
Hausmeister: „Es gibt kein vielleicht. Entweder ja oder nein.
Ich: „Ja dann, nein.“
-Hausmeister tritt beleidigt ab-
-Fahrer tritt ein-
Fahrer: „Ich finde gut, dass du xxx den Helm nicht gegeben hast. Der hat schon so viel von den vorigen Freiwilligen bekommen.“
Ich: „Oh, danke.“
Fahrer: „Schenk ihn doch mir! Ich hab noch nie was bekommen! Oder schenk mir ein Schweizer Taschenmesser, XXX hat auch eins!“
Ich: „Was?! Ich schenk hier niemandem gar nichts!“
-Fahrer tritt beleidigt ab-

So etwas würde in Deutschland niemals passieren. Deshalb wurde ich, bevor ich nach Nicaragua kam, auch noch nie mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Natürlich verdienen die Menschen nicht viel, aber Dinge zu verschenken, macht es langfristig nicht besser – auch wenn die Versuchung noch so groß ist. Wenn ich ihm den Helm geschenkt hätte, hätte sich das herumgesprochen und am nächsten Tag wären drei mit einer Bitte zu mir gekommen. Und dann fünf, und dann zehn, …
Und so schleicht sich eine Haltung ein (wenn sie nicht schon längst da ist), dass man nur zum Chele gehen braucht, der hat’s dicke. Dieses Dilemma lässt sich auch auf das Thema Entwicklungshilfe übertragen, was dann einen ganz anderen Umfang einnimmt, als meine Helmgeschichte.

Was ich aber eigentlich damit sagen wollte, ist, dass ich mich mit der Zeit sicherer in diesem Land fühle, etwas vertrauter,  was, meiner Meinung nach, Grundvoraussetzung ist für den Umgang mit den Menschen.

 In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen März (der soll ja bekanntlich der schönste Monat des Jahres sein ;-) 

Alles Liebe,

euer Sasan



Die Wahl zum Lied des Monats fiel dieses Mal ziemlich schwer. Das neue Album von Kanye West ist meisterlich – trotzdem habe ich mich für „Alles auf Anfang“ vom neuen Album von Wir Sind Helden entschieden – wegen wunderbarem Deutsch und generell tollem Text. Musik geht so.

Wegen blöder Urheberrechtsverletzung wieder nur über den Proxy  http://4.hidemyass.com/ip-1/encoded/Oi8vd3d3LnlvdXR1YmUuY29t&f=norefer zu erreichen.

Dienstag, 25. Januar 2011

5. Monatsbericht

‚Nach Jinotega? Der ist gerade weg… aber wenn du willst, kannst du den mit dem Expressbus nach Matagalpa auf dem Weg abfangen. Sonst müsstest du 1 ½ Stunden warten, der Nächste fährt erst um 8:00.‘

‚Quatsch‘, dachte ich mir und freute mich schon auf ein bisschen Ruhe. Ich hatte gerade Ayla zum Flughafen gebracht, nur drei Stunden geschlafen und das letzte, worauf ich Lust hatte, war Stress. Die Frau am Schalter hingegen ging wohl, nachdem ich ihr einige Sekunden nicht geantwortet hatte, davon aus, dass ich kein Spanisch sprechen würde und wollte gerade einen zweiten Versuch starten, mir die Situation zu verdeutlichen, als ich abwinkte, mich für die Auskunft bedankte und den Reiserucksack in Richtung Wartehalle hievte. 
Terminal Mayoreo an exakt diesem Morgen
Ich setzte mich auf einen der wenigen freien, schwarzen Plastikstühle, holte meinen mp3-player aus der Hosentasche und suchte die Stelle bei ‚Harry Potter y el prisionero de Azkaban‘, bei der ich vor 3 Wochen aufgehört hatte. Kapitel 4 war es. Bereits nach 5 Minuten musste ich jedoch kapitulieren – meine Konzentration war ungefähr so gegenwärtig wie ein Aal in einem Schrank.

Stattdessen legte ich ‚I stand corrected‘ von Vampire Weekend auf, schloss die Augen, wandte mein Gesicht der aufgehenden Sonne zu und ließ meinen Gedanken und Gefühlen über die Reise freien Lauf.

Angefangen hatte es mit Weihnachten. Zuhause ist Heiligabend schon eher etwas Ruhigeres: Man geht vielleicht in die Kirche, isst zusammen, beschenkt sich und verbringt Zeit mit der Familie. In Nicaragua ist das ein bisschen anders. Hier macht man sich schick, betrinkt sich und feiert und tanzt bis um 3 Uhr morgens auf der Straße, wirft Böller (deren Zündschnüre ca. 0,01 Sekunden brennen), zündet Raketen, spielt Gesellschaftsspiele und besucht Freunde und Verwandte. Tatsächlich gab es einige, die Heiligabend damit verbracht haben, von einem Haus zum anderen zu wandern, zu essen, zu trinken und sich zu unterhalten. Als ich dabei an Weihnachten daheim dachte, musste ich wirklich anfangen zu lachen, nicht aus irgendeiner Wertung, sondern einfach aufgrund der Andersheit.

‚POLLO FRITO!‘ ‚ENSALADA DE FRUTAS!‘

Zwei Straßenverkäufer standen vor mir und wedelten mit Plastikbeutel voller Essen vor meiner Nase. Missmutig scheuchte ich sie mit unwirschen Gesten weg. ‚Manno‘, dachte ich mir, ‚war grad so schön‘, machte es mir wieder auf dem Stuhl bequem und schloss meine Augen.

Ausblick beim Fledermäuse-Vermessen
Nächster gedanklicher Halt war eine Vulkanseelagune, zu der Ayla und ich, auf Empfehlung der beiden schweizer Mitfreiwilligen, gleich am zweiten Tag ihrer Ankunft reisten. Dort fanden wir eine Biostation, die von einem texanischen Biologen geleitet wurde und in der zufällig auch zwei deutsche Freiwillige arbeiteten – die Silvester in San Juan del Sur am Pazifik feiern wollten, dem wir uns spontan anschlossen.


San Juan del Sur
Silvester war wunderbar. Den ganzen Tag über schien die Sonne, es war heiß und wir verbrachten den einen Teil am Strand, den anderen mit Vorbereitungen treffen für die Party am Abend. Glücklicherweise kamen wir bei ein paar holländischen Studenten unter, die Praktika in Nicaragua machten und sich für die Zeit über Silvester ein Ferienhaus gemietet hatten. Mit einer Menge Rum, Grillfleisch und Freude im Bauch machten wir uns um halb 12 (da wart ihr schon längst im neuen Jahr) auf in Richtung Strand, ich gebe zu, ich war relativ betrunken und widersetzte mich deshalb lautstark dem allgemeinen Gruppenwillen, in einer Disco am Strand ins neue Jahr zu feiern. Das Ergebnis war, dass ich allein im Sand saß.
Aber hey, es war sehr schön, ich hatte wieder meinen mp3-player mit und hörte gerade Beethovens Sinfonie Nr. 813 als ich auf die Uhr schaute und erschrak: 23:59:34 Uhr – fast 2011. Ich schaute auf und zwei blonde und, so schien es, noch betrunkenere Mädchen (es stellte sich später heraus, dass die eine Australierin und die andere US-Amerikanerin war), kamen lachend auf mich zugewankt. Also verbrachte ich Mitternacht neben diesen zwei Mädchen, bekam noch von jeder einen Kuss auf die Wange, bis die beiden weiterzogen. Die darauf folgenden 2 ½ Stunden hielt ich mich noch am Strand auf, schaute mir die Sterne an und sang,  bis ich zum Haus zurückkehrte und mich schlafen legte.

Sprung.

Ayla und ich saßen auf dem Deck der Fähre, die uns in 14 Stunden über den Nicaraguasee transportieren sollte, ließen die Beine baumeln und fuhren in den Sonnenuntergang – Ziel sollte der Grenzfluss Nicaraguas zu Costa Rica, der Río San Juan, sein, der bis in die Karibik führt. Da fragte Ayla plötzlich, ob ich glücklich sei.


Das Gespräch, das jetzt folgte, war sehr intensiv und gut und ich möchte es nicht in allen Einzelheiten erzählen, Fakt ist aber seitdem, dass wir nicht mehr zusammen sind. Wir hatten uns dazu entschieden, weil wir sahen, wie unsere Beziehung immer mehr zu einer Freundschaft wurde, woran auch ihr Besuch nichts ändern konnte. Seit diesem Zeitpunkt schien mir jedoch unser Umgang viel unkomplizierter und entspannter, was sich unheimlich positiv auf die darauf folgenden zwei Wochen auswirkte: Wir waren wie losgelöst, ein Herz und eine Seele. Fragt mich nicht, wie das so kommen konnte, es ist, wie es ist und ich bin sehr froh darüber. Vielleicht haben wir in dieser Phase unseres Lebens keinen Platz für einen Partner.

Sprung.

Export                                                     Import
Auf halbem Weg zu unserem Ziel, dem Karibischen Meer, konnten wir bei einer Freiwilligen aus – Trommelwirbel- KASSEL unterkommen, die in einem 800-Seelen- Dorf in einem Kakaoprojekt ihr Dasein fristet. Natürlich durften wir auch bei der Kakaobohnenzubereitung zusehen, was mich, als Vorstandsmitglied der MASA S.A. zu einer schrecklichen Erkenntnis führte: Es gibt qualitativ hochwertigeren Kakao, der allerdings nur für den Export bestimmt ist (die Kakaokooperative beliefert zum Beispiel Ritter-Sport), während der ´minderwertige´ Kakao für den nationalen Markt – also auch für die MASA S.A. – bestimmt ist. Das war natürlich ein Schock. Bei der nächsten Gelegenheit wird dieses Manko allerdings versucht zu beseitigen.

Am Río San Juan




Abgesehen davon fanden wir bei diesem Besuch einen gefiederten Freund, Carlito, einer Art Papagei, der sogar reden konnte und dem es außerordentlich gut auf meinem Kopf gefiel. Ich schließe nicht aus, dass er sich ein Nest bauen wollte.



Sprung.

Roter Giftfrosch
Ich hüpfte barfuß durch ein Naturreservat in der Nähe von San Juan del Norte (altes Piratenversteck mit mehr Gräbern als Einwohnern), das, nachdem es am Tag zuvor geregnet hatte, so überschwemmt war mit Mücken, dass selbst das Mückenspray keine Wirkung mehr zeigte. Am Ende der zweistündigen Tour, die sonst wunderschön war und uns wirklich mitten in den Dschungel führte, wo sonst nur Affen, Jaguare und rieeesige Ameisen leben, kam ich auf sage und schreibe 501 Mückenstiche, Bilder möchte ich hier nicht veröffentlichen, sie erinnern mehr an Hautausschlag als alles andere.


Sprung.

Absolut hochseetauglich
WUSCH - KRACH.
Das war in etwa der Soundtrack unserer 4 1/2 stündigen Fahrt von San Juan del Norte nach Bluefields (Nicaraguas größte Stadt an der Karibikküste), bei der wir mit 60 km/h über die Wellen fetzten. Bei WUSCH erhob sich das Boot über eine Welle, flog fünf Meter weit über die überraschend unruhige See, bei KRACH klatschte es in ein etwa zwei Meter tiefes Wellental, bevor man wieder hochgeschleudert wurde, und so weiter und so fort. Als der Kapitän (der anscheinend an Größenwahn litt, so eröffnete er doch die Verhandlung über den Preis der Überfahrt bei 700$, bis wir ihn auf 25$ pro Person herunterhandeln konnten) zu Beginn der Fahrt fragte, ob nicht einer von uns ganz vorne sitzen wollte, willigte ich ohne groß nachzudenken ein, was ich mein Magen und mein Hintern aber bereits nach 5 Minuten Fahrt stark bereuten. Vielleicht schon in Erwartung von Futter begegneten wir sogar einem Hai, der unter dem Boot kreiste, während der Kapitän nach brauchbarem Müll Ausschau hielt. Tatsächlich war ich überrascht, wie verschmutzt das Meer durch herumtreibende Joghurtbecher, Plastikeimer und Flaschen war. Wenn man sich vor Augen führt, wie groß die Karibik ist, kann man sich unschwer vorstellen, wie viel Müll dort noch lagert.

Ich blinzelte kurz und erschrak, ich wusste nicht wie spät es schon war – puh, erst 7:45, ich hatte also noch eine Viertelstunde. Mein Blick traf auf die zweier Mädchen, die direkt vor mir saßen und mir mit den Händen zu verstehen gaben, die Kopfhörer abzusetzen. Das Gespräch mit den beiden verlief in etwa so:

Mädchen: „Hallo, fährst du auch gleich nach Matagalpa?“
Ich: „Hi, nein ich fahr nach Jinotega, Matagalpa liegt aber auf dem Weg. Dann fahren wir aber bestimmt zusammen.“
Mädchen: „Ja. Weißt du was? Du hast total schöne Augen, die wechseln in der Sonne ihre Farbe! Bist du verheiratet?“
Ich: „Nein?“
Mädchen: „Hast du eine Freundin?“
Ich: „Ähh.. ja. In Deutschland.“
Mädchen: „Also eine Fernbeziehung?“
Ich: „Jap.“
Mädchen: „Fernbeziehungen klappen nicht. Ich hatte auch schon einmal einen Freund in Texas, aber es hat nicht geklappt, er war so weit weeeeg! Ich bin ihm dann irgendwann fremdgegangen.“
Ich: „Mhm.“
Mädchen: „Ist Deutschland weiter weg als Texas?“
Ich: „Jaaa, schon.“
Mädchen: „Willst du dich im Bus zu uns setzen?“
Ich: „Ehm, naja, ich bin ziemlich müde, hab die Nacht kaum geschlafen... aber wir sehen uns bestimmt wieder, irgendwann.“
Mädchen: „Oh okay, dann halt nicht.“

Sagte sie, nahm ihre Freundin, die die ganze Zeit über nichts gesagt hatte an den Arm und stolzierte davon. Ich machte es mir wieder bequem, schloss die Augen und flog ein noch einmal davon.

Ayla und ich sitzen mit einem nicaraguanischen Fischer und einer serbischen Kleinfamilie in einem Fischerboot. Wir befinden uns in der ‚Laguna La Perla‘, nördlich von Bluefields, und versuchen uns das Abendessen zu erangeln. Zugegeben, der Plan war ein anderer, wir wollten eigentlich auf die Karibikinsel ‚Corn Island‘, die aber leider nur 1x die Woche per Boot zu erreichen ist. Ein alter Seebär am Hafen von Bluefields versicherte uns jedoch, dass von ‚El Bluff‘ (kein Scherz), einer vorgelagerten Insel, täglich Garnelenfischer nach Corn Island fahren würden. Wie sollte es anders sein, entpuppte sich die Aussage des Seebärs als falsch, sodass wir zwei Tage hätten warten müssen, weshalb wir uns nach anderen Gefilden in der Karibikregion umschauten. Letztendlich fingen wir dann doch noch einen Fisch, der, frisch zubereitet und mit frischem Kokosbrot, mehr als köstlich schmeckte.
Von der Laguna aus fuhren wir dann schon zurück nach Managua, ich zeigte Ayla noch Jinotega, wir kauften eine wunderschöne, handgemachte Hängematte auf dem ‚Mercado artesanal‘ in Masaya und dann war es auch schon Zeit, Abschied zu nehmen. Die vergangenen drei Woche vergingen, wie alle Zeit in Nicaragua, unheimlich schnell und ohne auch nur die Möglichkeit zu haben, alles Erlebte zu realisieren. Jetzt, da ich schon fast eine Woche wieder zuhause bin, komme ich erst darauf, dass ich schöner die Zeit nicht hätte verbringen können.

 Und was würde mich zurück in Jinotega erwarten? Manuel war noch die gesamte nächste Woche mit seinem Papa unterwegs in Guatemala, das heißt, ich wäre das erste Mal seit 5 Monaten allein. Wirklich schön war das nicht. Selbst die 3 Staffeln ‚How I met your mother‘ von der anderen Kasseler Freiwilligen, Antje heißt sie, würden auch nur temporär Abhilfe schaffen (auch wenn sie wahnsinnig gut waren). Aber am 28. Januar würde ja schon das einwöchige Zwischenseminar, wieder am Pazifik, stattfinden, worauf ich mich schon sehr freute/ freue.


Und auf gar keinen Fall zu vergessen ist noch einmal ein Dank an alle Spenderinnen und Spender für die herzlichste Unterstützung - Vielen Dank.


Beste Grüße
von euerm Sasan


Lied des Monats ist 'I stand corrected' von Vampire Weekend, eine der wenigen Bands, von denen ich behaupten kann, dass jedes Lied gut ist. Einfach gut.